SOS-Gewalt Buch

Im Jahr 2018 hat Yony Tsouna, CEO von SOS-Gewalt, ein Buch über den Umgang mit Gewalt in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. In diesem werden, basierend auf dem neusten Forschungsstand, spielerische Methoden dargestellt, um Gewalt, Beschämung und Mobbing von Kindern in sozialen Netzwerken zu reduzieren.

Das Buch wurde bisher nur auf hebräisch veröffentlicht. Wir sind zur Zeit dabei, es nach und nach auf deutsch und englisch zu übersetzen. Als einen Vorgeschmack ist im folgenden eines der übersetzten Kapitel zu finden.

  1. Das Modell: Wie ermutigen wir Kinder, in den sozialen Netzwerken als Matzmichim aufzutreten, also als Kinder, die anderen helfen zu wachsen?

 „In jeder Generation muss erneut nach Wegen und Werkzeugen gesucht werden, mit denen wir auf die jungen Menschen einwirken können.“

Rabbi Abraham Isaak Kook

 

Wie arbeitet das Modell „Matzmichim”²? Wie lassen sich mit dieser Unterrichtsstrategie Empathie und Rücksichtnahme als Verhaltensweisen einüben, die den Status heben?

² Matzmichim ist ein hebräisches Wort und bezeichnet jemanden, der anderen zu wachsen hilft. Da es nicht genau zu übersetzen ist, werden wir diesen Begriff auch im deutschen Text verwenden.

Die Stärke des Modells beruht auf drei Komponenten:

  1. Das Ringen um Ansehen und der Wunsch nach Anerkennung in der Gruppe werden so kanalisiert, dass sie prosoziales Verhalten fördern.
  2. Verschiedene, unter dem Begriff „Matzmichim-Maßnahmen“ zusammengestellte Verhaltensweisen, werden von den Schüler*innen selbst mit Inhalt gefüllt.
  3. Einsatz von Rollenmodellen zur Nachahmung: Auswahl von Kindern aus der Peergroup sowie von Erwachsenen, die in ihrer Welt eine Rolle spielen, damit diese – nach Analyse und Reflektion – als Vorbilder dienen können.

4.1    Umleitung des Geltungsstrebens in prosoziale Verhaltensweisen

Spruchband an der René-Cassin-Schule in Jerusalem: Der Wunsch nach Liebe endet nie (02/2016)

Eine der Stärken des Modells Matzmichim besteht darin, dass prosoziales Verhalten mit sozialem Status belohnt wird. Aus den Hunderten von Studien über das Sozialverhalten von Kindern hat sich mir ein Satz besonders eingeprägt. Einerseits setzt er die Welt der Kinder herab, andererseits aber formuliert er eine tiefgründige Einsicht kurz und bündig:

Kinder sind „Status-Junkies”.

Zwar unterscheiden sich Kinder als Einzelwesen ebenso voneinander wie Erwachsene, doch in der Gruppe dürsten sie nach Ansehen und wollen wissen, welchen Rang sie einnehmen. Dieses Bedürfnis beruht nicht auf Oberflächlichkeit, sondern hat unterschiedliche Ursachen:

1. Kinder und Jugendliche haben ein fragiles Selbstbild. Ein Erwachsener versteht, dass er an seinem Arbeitsplatz gefördert oder aber unterdrückt wird, Kindern dagegen fehlt es an Lebenserfahrung und damit an der Fähigkeit, zwischen ihrem eigenen Wert und der Einschätzung der Umgebung zu unterscheiden. Sie messen ihren Wert an der Behandlung, die das soziale Umfeld ihnen zukommen lässt.

2. Kulturelle Einflüsse: In der Gegenwartskultur lässt sich eine verstärkte Beschäftigung mit Status und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit erkennen. Kinder (wie die Helden aus den TV-Realityshows) werden an der Zahl der„Likes“ gemessen, die sie erhalten, an der Zahl der Follower, die sie aufzuweisen haben sowie an der Zahl der virtuellen Gruppen, denen sie angehören.

3.Ein einziger gesellschaftlicher Bezugsrahmen: Während ein Erwachsenenleben sich in verschiedenen Rahmen, Bezugsgruppen (Arbeit, Freund*innen, Familie), Interessen- und Sorgenschwerpunkten abspielt (Kindererziehung, wirtschaftliche Lage, Anerkennung im Beruf), verbringen Kinder ihre Zeit zumeist in derselben sozialen Gruppe, sei es in der Schule, in Kursen oder in den Jugendorganisationen, außerdem haben sie weniger Sorgen als ihre Eltern. Deswegen erhält die Beschäftigung mit dem sozialen Status mehr Bedeutung, nimmt in ihren Gedanken mehr Raum ein und drängt sie zu gewissen Verhaltensweisen.

Wenn wir nun wissen, wie wichtig der soziale Status im Leben eines Kindes ist und im vorhergehenden Kapitel erfahren haben, dass Aggressivität den Status innerhalb der Peergroup verbessert, dann müssen wir uns fragen, wodurch die Aggressivität ersetzt werden kann. Anders gesagt: Wenn Kinder süchtig sind nach Anerkennung, und Süchtige, wie wir wissen, nur durch die Droge selbst zu befriedigen sind, könnte dann etwas anderes, Gleichwertiges, an die Stelle von Status treten? Die Antwortet lautet nein!

                Deswegen müssen wir ihnen zu Status verhelfen,

Status allerdings für diejenigen, die empathisch zu handeln vermögen.

 

Wenn die Klassenlehrerin eine Frage stellt, die die Schüler*innen zum Nachdenken darüber veranlasst, welche Kinder aus der Klasse sie „matzmichim“ nennen würden, dann erhalten diese Kinder Legitimität und sozialen Status.

  • Fragen wie „Wer würde sagen, dass ich wichtig bin oder zu den Matzmichim gehöre?“, verschaffen einem solchen Kind soziale Bedeutung, und der Motor des gesellschaftlichen Drucks wirkt in Richtung prosoziales

Werden bestimmte Kinder von anderen als matzmichim bezeichnet, dann wachsen Beliebtheit und Ansehen dieser Schüler*innen. Dadurch schaffen wir unter allen Schüler*innen der Klasse einen Anreiz für prosoziales Verhalten. Natürlich kann man auch in privaten Unterhaltungen auf diesen Sachverhalt aufmerksam machen, doch die wahre Kraft des Matzmichim-Modells wirkt am besten im Rahmen einer Gruppe.

Fügt aber die Lehrerin noch einen Satz wie: „Auch ich finde, dass ihr matzmichim seid“, hinzu, dann droht das Ansehen der betreffenden Kinder wieder zu sinken. Aus diesem Grund muss das Modell ganz auf die Welt der Schüler*innen ausgerichtet sein. Der Beitrag der Lehrerin beschränkt sich strikt auf das Stellen der richtigen Fragen. Wenn ihr das gelingt, weist sie auf Werte hin, vermittelt wichtige Botschaften und fördert so den Lernprozess.

Ein Beispiel:

  • Lehrerin: „Bitte schließt jetzt alle die Erinnere dich an einen Vorfall, bei dem die anderen Kinder versucht haben, dich aus der Gruppe auszuschließen, vielleicht in einem Pausenspiel oder bei WhatsApp, und dann hat ein anderes Kind sich für dich eingesetzt. Denke jetzt einmal an dieses Kind. Es war nicht dein bester Freund, sondern einfach jemand, den es gestört hat, dass jemand ausgeschlossen wurde

…usw…

danke! Jetzt öffnet ihr ganz langsam die Augen.

Wer ist mutig genug, um uns zu verraten, an wen er gedacht hat?“

  • Ja, Daniel. Danke, dass du der erste Mutige sein willst. Bitte erzähle uns, was du möchtest.“ (Daniel sagt ein paar Worte über Ronen). „Okay, und was hast du von ihm gedacht, als er für dich eintrat, obwohl er nicht dein Freund ist. Dass er ein Loser ist?“ Jetzt beeilt sich Daniel zu sagen: „Überhaupt nicht. Ich dachte, dass er … voll cool ist.“

Durch diese Technik wird Daniel veranlasst zu bezeugen, dass Ronen sich positiv verhalten hat. Die Lehrerin hat Daniel zu einer Einsicht geführt, ohne ihre eigene Meinung auszusprechen und auf diese Weise ist der Vorgang für die Klasse „cool“ geblieben.

Manchmal wird auf eine Schwachstelle unseres Modells hingewiesen und behauptet, wir brächten die Schüler dazu, aus Eigeninteresse empathisch zu handeln: „Die Schüler*innen sollten befähigt werden, von Natur aus empathisch zu handeln und nicht, um einen bestimmten Status zu erreichen.“ Diese Kritik ist in gewisser Weise berechtigt und das Ziel in der Familie und im Erziehungswesen sollte auf jeden Fall eine natürliche Empathie sein. Nun ist aber die Erziehung ein Prozess, der sich über Dutzende von Jahren erstreckt und wir müssen in unseren Klassen täglich Aggressivität, Leid und Schmerz beobachten. Lassen Sie uns also zunächst Modelle anwenden, die zwar nicht tadellos sind, uns aber helfen können, die schweren Jahre zu überstehen, bis die Verinnerlichungsmechanik mit voller Kraft einsetzt. Etwas übertrieben könnte man gesellschaftlichen Druck als Urgewalt bezeichnen, die ohne pädagogisches Eingreifen die Aggressivität zu einem Mittel der Statusverbesserung machen würde. Einen Urtrieb auszuschalten, wird nicht gelingen, aber man kann ihn umleiten und kanalisieren. Würde man ganz auf ihn verzichten, entfiele ein nützliches Instrument im Kampf um das seelische Wohlbefinden unserer Schüler*innen.

Heute sieht es in unseren Klassen doch so aus, dass Aggressivität das Ansehen vergrößert, während prosoziales Verhalten das Ansehen sogar verringert (so gefährdet ein Kind, das sich auf die Seite eines boykottierten Mitschülers stellt oder sich für ein abgelehntes anderes Kind einsetzt, seinen Status.). Warum sollten wir also nicht versuchen, den Kindern auf diesem Gebiet zu helfen? Warum sollten wir die Scheinwerfer der Anerkennung nicht auf diejenigen richten, die zum Wohl von Außenseitern beitragen?

Sollten wir es schaffen, dass auch prosoziales Verhalten das soziale Ansehen um ein Weniges erhöht, dann

  • könnte ein beliebtes aggressives Kind erkennen, dass es an Anerkennung seiner Mitschüler*innen verliert, weil es sich nicht prosozial verhält. Dadurch helfen wir ihm vielleicht, die Aggressivität etwas herunterzufahren und einen Schritt in Richtung soziales Wachstum zu
  • ermutigen wir Kinder, als Matzmichim aufzutreten, und verringern die Befürchtung, ihr sozialer Status könnte unter einem solchen Verhalten
  • erhöhen wir die Anerkennungswürdigkeit der Matzmichim und bestärken sie darin, mit ihrem Einsatz zugunsten anderer

Schließlich können wir vielleicht erreichen, dass zwischen einer Frage nach dem sozialen Status und einer Frage nach der moralischen Entwicklung kein Widerspruch mehr besteht. Fragen nach dem Status können ebenfalls Fragen nach der Entwicklung von tieferen Werten sein. Hier einige Beispiele:

  • „Wer zeigt mir jemanden, der seinen sozialen Status gefährdet, um ausgeschlossene Kinder in die Mitte zu holen?“
  • „Wer hilft, Leid zu vermeiden, auch wenn das etwas gegen die allgemeine Stimmung in der Gruppe verstößt?“
  • “Eigentlich denkt jeder zuerst an sich selbst, aber manchmal passiert es, dass ich zugunsten anderer meinen Status gefährde oder etwas “

4.2    Die Schüler selbst nennen verschiedene Handlungsmöglichkeiten

Matzmichim sind Kinder, die sich dafür einsetzen, dass andere Kinder sich dazugehörig und damit besser fühlen.

Diese Minimaldefinition reicht als Erklärung für die Schüler*innen aus. Eine echte Internalisierung und damit eine Verhaltensänderung dürfen wir nur dann erwarten, wenn die Schüler*innen selbst diese Einsicht mit Inhalten füllen, die für sie relevant sind.

Nachdem wir ihnen diese Basisdefinition übermittelt haben, bitten wir die Kinder, sich an Fälle aus ihrem täglichen Leben zu erinnern, die sich in den sozialen Netzwerken (WhatsApp-Gruppen, Snapchat, Instagram, Onlinespielen etc.) oder in der Klasse, auf dem Pausenhof etc. zugetragen haben.

Zu jeder mitgeteilten Situation stellen wir die folgenden Fragen, bitten aber die Kinder, leise darüber nachzudenken und noch nicht laut zu antworten.

  • Denkt an Kinder, die in dieser Situation wie Matzmichim gehandelt
  • Wie haben sie das deiner Meinung nach geschafft?
  • Welche Verhaltensweise hat die Kinder in dieser bestimmten Situation zu Matzmichim gemacht? Was muss zum Beispiel ein Gruppenleiter bei WhatsApp tun, um zu den Matzmichim zu gehören?
  • Wenn ich die ganze Gruppe/die ganze Klasse gefragt hätte, wer zu den

Matzmichim gehört, auf wen hätten sie gezeigt?

  • Verhältst du dich im Internet, wie sich Matzmichim verhalten?

Detaillierte Beispiele von Klassengesprächen und weitere Fragevorschläge finden sich in Kapitel 11.

 

Aus folgenden Gründen ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass die Antworten von den Kindern selbst kommen:

1. Der Begriff Matzmichim muss „cool“ bleiben und wird die Kinder nur aktivieren, wenn sie ihn als modern und ihrer Lebenswelt zugehörig empfinden. Ein Kind wird nur dann sein Verhalten ändern, wenn es selbst dieses Verhalten für „cool“ hält. Die Beispiele, die von den Schüler*innen selbst kommen, und ihr eigener Entschluss, Matzmichim in der Gruppe zu benennen – sie sind es, die Interesse wecken und das Modell „cool“ machen. Von Lehrer*innen eingeworfene Beispiele, Meinungsäußerungen, kurze Vorträge o.ä. sind als Fehler zu betrachten, da sie die Atmosphäre einer pädagogischen Stunde schaffen und die Zugkraft des Markenzeichens Matzmichim beeinträchtigen. Wenn der Begriff Matzmichim von den Kindern als cool angenommen wird, dann beschäftigt er sie auch nach dem Unterricht noch und sie werden in jeder sozialen Situation darauf achten, wer sich entsprechend verhält und wer nicht.

Damit der Begriff Matzmichim von den Kindern als cool angenommen wird, müssen wir dafür sorgen, dass auch die Meinungsbildenden in der Klasse sich äußern. Keinesfalls dürfen wir uns auf die Schüler*innen beschränken, die sich von allein melden, dann würde der Begriff nur von einem kleinen Teil der Klasse akzeptiert, von den Kindern, die sich immer melden. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns auch an Kinder wenden, die sich nicht gemeldet haben und sie um ihre Meinung bitten. Die Herausforderung an die Lehrerin besteht dann in der Zuspitzung der Fragen, damit die Schüler*innen so antworten, dass bestimmte Verhaltensweisen positive oder negative Bewertungen erhalten.

16:06    Wie geht’s dir?

16:08    Heleni?

16:09    Hi

16:10    Ach Heleni, schon besser, danke

16:10   1. Du bist Spitze 

            2. Du bist Matzmichim

            3. Ich hab dich lieb

2. Kinder übernehmen die Meinung anderer Kinder in Bezug auf das, was “angesagt” ist und was nicht, und wie man sich zu verhalten hat. In der Schulzeit ist die Meinung der angesagten Mitschüler*innen zumeist wichtiger als die Meinung der Erwachsenen (Eltern/Lehrer*innen). Sogar in der dritten Klasse, wo Mädchen eigentlich noch als „igitt“ gelten, hören die Jungen ihnen aufmerksam zu, wenn sie ihre Meinung über Jungen und deren Verhaltensweisen äußern, so, wie auch Mädchen den Gedanken der Jungen ihr Ohr schenken, wenn es beispielsweise um bestimmte Verhaltensweisen in Mädchengruppen geht.

3. Zu einem lebhaften Klassengespräch anregen (und nicht beim Predigen, dem einzelne, tröpfelnde Beiträge folgen, bleiben): Das Klassengespräch kann intensiviert oder verlängert werden, wenn man z. B. fragt: Wer sind die Matzmichim in der Bundesliga? Oder: Wer waren die Matzmichim in einer beliebten Realityshow? Wenn hauptsächlich die Kinder untereinander reden und die Lehrerin sich auf leichtes Lenken beschränkt, lassen sich die Schüler*innen ohne Predigen vonseiten der Lehrkraft zu Werten wie Empathie, Altruismus und Solidarität im kindlichen Leben führen.

4. Es gibt keine einzige richtige Meinung; verschiedene Kinder und verschiedene Gruppen innerhalb der Klasse haben unterschiedliche Ansichten:

  • Während eines Großteils der Schulzeit erhalten jene Schüler*innen Anerkennung, die mit der richtigen Antwort aufwarten. Im Matzmichim– Modell ist es von äußerster Wichtigkeit, dass die Schüler*innen nicht nach der Antwort suchen, die die Lehrerin ihrer Meinung nach hören möchte. Wir sind daran interessiert, dass die Schüler*innen ihre eigene Welt und ihren persönlichen Geschmack einbringen. Jedes Kind oder jede Gruppe in der Klasse wird also auf die Frage „Was muss ein Mitschüler tun, damit er in meinen Augen zu den Matzmichim gehört“ eine ganz andere Antwort geben. Als Beispiel sei hier eine Klasse angeführt, die ganz eindeutig in zwei Gruppen unterteilt war. Diese Gruppen bezeichneten sich gegenseitig jeweils als „Streber“ und „Prolls“. Überflüssig zu sagen, dass diese Bezeichnungen übertrieben waren und zum Teil auf Einstellungen der Eltern zurückgingen. Was nun die Interessen angeht, so galten in der einen Gruppe Kinder als matzmichim, die sich im Bereich Lernen und Brettspiele engagierten, während es in der anderen Gruppe eher um Ballspiele und Treffen im Einkaufszentrum ging.

  • Werden die Kinder selbst nach Verhaltensweisen gefragt, dann kommen unterschiedliche Ergebnisse zustande, die den jeweiligen Gruppenvorstellungen von Matzmichim entsprechen, ob es sich nun um gefährdete Jugendliche, um Grundschulkinder oder um Begabtenklassen im Gymnasium.

  • Da man auf viele verschiedene Arten zu den Matzmichim gehören kann, ermöglichen unterschiedliche Antworten den Schüler*innen, den Punkt zu finden, an dem sie selbst sich als Matzmichim einsetzen wollen. Deswegen ist es äußerst wichtig, dass die Lehrkraft darauf achtet, keine Hinweise zu geben oder Andeutungen zu machen, die den Schüler*innen irgendeine „richtige“ Antwort nahelegen.

Im Folgenden einige Beispiele, die von Kindern auf die Bitte hin genannt wurden, von Matzmichim in ihrer Umgebung, auch in sozialen Netzwerken, zu erzählen.

  • In einer WhatsApp-Gruppe: Ein Fünftklässler erzählt: „Namen möchte ich nicht nennen. Ein Junge hat in einer WhatsApp-Gruppe eine gemeine Antwort geschickt, da hat der Gründer der Gruppe ihn für eine Minute gesperrt und als er dann zurück durfte, hat er ihm die Leitung der Gruppe weggenommen.“ (Damit hat der Gründer die Autorität verloren, Gruppenmitglieder aufzunehmen oder auszuschließen). Was denken wir als Erwachsene darüber? Unsere Meinung ist nicht wirklich wichtig, solange die Entscheidung der Kinder nachvollziehbar bleibt. Wichtig ist, dass die Schüler*innen der Klasse den Jungen, der einem anderen die Leitung absprach, zu den Matzmichim zählen. Sicher haben wir als Erwachsene manchmal Vorbehalte, aber die sollten wir höchstens in aller Bescheidenheit äußern.
  • Auf Instagram. Schüler*innen einer siebenten Klasse zählten ein Mädchen zu den Matzmichim, das auf sehr nette und nicht herablassende Art und Weise den Mädchen, die unvorteilhafte Bilder von sich veröffentlicht hatten, Ratschläge gab. Als Erwachsener neigt man dazu, die übertriebene Beschäftigung mit der äußeren Erscheinung verächtlich zu belächeln, doch jenes Mädchen wurde von der Klasse ganz aufrichtig als hilfreich bezeichnet, weil sie in ermutigender Form etwas verbesserte, was Kindern in diesem Alter sehr wichtig 2 [²Umfragen weisen Instagram als die App aus, die das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen mehr beeinträchtigt als jede andere App.]
  • Empathie im Netz: Ron (fünfte Klasse) berichtet, dass an einem Tag, an dem er in der Schule fehlte, die Klasse sich per WhatsApp über etwas offenbar sehr Witziges austauschte. „Als ich fragte, worum es geht, antwortete man mir: lass gut sein, das kann man nicht erklären, wenn du nicht da warst, kannst du es nicht verstehen. Ein Mädchen aus der Klasse wandte sich privat an mich und erklärte mir die Zusammenhänge. Es war ihr wichtig, dass ich mich nicht ausgeschlossen fühlte … meiner Meinung nach gehört sie zu den “Matzmichim”
  • BatMitzwa-Partys: In einem Workshop für die 6. Klasse kam es um das Thema der Bat-Mitzwa-Partys, die in diesem Alter stattfinden, zu heftigem Streit. Wie auch in ähnlichen Fällen, wenn es in der Klasse ein soziales Problem gab, versuchten wir, den Schüler*innen dabei zu helfen herauszufinden, wer genau hier ein Problem hat – eine Methode, die von den Schüler*innen geschätzt wird. Die Klasse wies auf eine Schülerin hin, die in Zusammenhang mit diesen Partys zu den Matzmichim gehörte, und wir fragten die Mädchen, weshalb sie gerade diese Mitschülerin ausgewählt hatten. Eine Antwort lautete: „Wenn sie zu einer Party kommt und die anderen ihr Aufmerksamkeit schenken, dann versucht sie immer, diese Aufmerksamkeit auf das Mädchen zu lenken, das gerade seine Bat- Mitzwa feiert, denn es ist ja ihr Fest und sie sollte im Mittelpunkt stehen…“ Diese sensible Antwort zeigt, dass Aufmerksamkeit für Kinder (und Erwachsene) außerordentlich wichtig ist und wie menschlich das betreffende Mädchen gehandelt hatte, als es für eine gerechtere Verteilung der Zuwendung sorgte.
  • Die Wahl einer Fußballmannschaft: Wenn in Sportstunden die Kapitäne aufgefordert werden, eine Mannschaft zu wählen, wird das Kind, das bis zum Schluss zurückbleibt, oft als „Überbleibsel“ bezeichnet und manchmal überhaupt nicht einbezogen, da die Mannschaft lieber mit einem Spieler weniger spielt als mit diesem Jungen – für ihn ein niederschmetterndes Erlebnis! Demgegenüber gibt es aber auch Mannschaftskapitäne, die auch ein solches Kind gern wählen und sich nicht anmerken lassen, dass sie ihm einen Gefallen
  • Treffen sich Jungen zum Fußball, artet das Spiel sehr oft in einen richtigen Krieg der Demütigungen aus. Manchmal findet sich dann ein Kind, das in besonderer Weise für ein flüssiges Spiel sorgt. Nicht immer wird deutlich, wie er das macht, es ist nicht etwa so, dass er seine Mitspieler ausdrücklich beruhigen würde, doch wenn er dabei ist, dann fließt das Spiel ruhiger

Selbst die Anleiter*innen unseres Zentrums, die nun schon jahrelang auf diesem Gebiet tätig sind und unzählige Gespräche mit Schüler*innen zu diesem Thema geführt haben, geben zu, dass sie sich nicht hätten träumen lassen, wie vielfältig die von den Kindern vorgebrachten Beispiele sind, insbesondere wenn es um die stetig wachsende Kommunikation im Internet geht. Dies ruft uns einmal mehr in Erinnerung, dass die Beispiele, die wir Erwachsenen den Kindern vorlegen, lediglich theoretischer / pädagogischer Natur sind. Allerdings braucht es Geduld, bis die Kinder bereit sind, mit Beispielen aus dem eigenen Leben zum Gespräch beizutragen. Es kann gut sein, dass erst einmal Stille herrscht, nachdem wir unsere Fragen gestellt haben. Dann müssen wir an die Wirksamkeit des Prozesses glauben, die Angst vor der Stille überwinden und alle Hinweise, die aus der Erwachsenenwelt stammen, hinunterschlucken.

4.3       Das Modell als Handlungsvorbild

Wird das Modell als Vorbild genutzt, dann gibt es den Schüler*innen eine Antwort auf die Frage „Wie soll man es denn machen?“

Manchmal tauchen im Gebrauch des Modells Fragen auf, die auch der Lehrkörper nicht mit Worten beantworten kann. „Was macht Jonathan zu einem Jungen, der in Internetspielen eine angenehme Atmosphäre verbreitet?“ Indem sie das „richtige“ Verhalten verfolgen, können die Kinder es erlernen. „Warum gilt Gila als Mädchen, dessen bloße Anwesenheit Auseinandersetzungen bei WhatsApp beilegt?“ Nachdem die Klasse erkannt hat, dass Daniel ein Junge ist, der es besser als alle anderen versteht, Mitschüler*innen aufzubauen, ohne sich anzubiedern, können die anderen ihn ein Jahr lang beobachten und es so machen wie er.

Das Modell weckt Motivation

Personen, die zur Nachahmung anregen, können aus verschiedenen Kreisen stammen: Eltern, ein großer Bruder, ein Anleiter, ein Nachbar, Kinder aus der Klasse oder der Jahrgangsstufe. Wie schon erwähnt, hat die Gruppe der „angesagten“ Kinder beträchtlichen Einfluss und kann in der Tat anderen zeigen, wie Matzmichim sich in bestimmten Situationen verhalten. Schüler*innen erwähnten in Gesprächen mit uns, dass Mitschüler*innen, die in der ganzen Klasse als Matzmichim gelten, sie sehr wohl zur Nachahmung inspirierten und sie ermutigten, es ihnen gleichzutun. Ein aufbauendes Gespräch über ein bestimmtes Kind kann auch Eifersucht wecken, doch die lässt sich durch die richtige Gesprächsführung in persönliches Wachstum für den / die Schüler*in umwandeln. Werden Mitschüler*innen aus der Klasse oder der Jahrgangsstufe, die eine WhatsApp-Gruppe leiten, als Matzmichim bezeichnet, dann fangen die Anführer*innen anderer Gruppen automatisch an, deren Verhalten zu analysieren und es nachzuahmen.

4.4 Von der Wichtigkeit, Namen zu nennen, und wie man es richtig macht

Wenn wir Kinder bitten, Namen zu nennen und auf andere Kinder zu deuten, dann müssen wir uns der damit verbundenen Vor- und Nachteile bewusst sein.

Damit ein Gespräch nicht nur theoretisch bleibt, fragen wir die Teilnehmer*innen (Kinder/ Lehrer*innen/ Studierende/Eltern) oft, an die Namen der Personen zu denken, die sie in ihrer jeweiligen Peergroup für Matzmichim halten. Hierfür wenden wir uns folgendermaßen an sie: „Sage mir jetzt nicht den Namen, sage mir nur, aufgrund welcher Verhaltensweise du ihn ausgewählt hast.“ Auf eine solche Aufforderung erfolgen in der Regel zahlreiche Reaktionen, die ein tieferes Verstehen des Begriffs Matzmichim vermitteln, während Fragen wie „Welche Eigenschaften sollten Matzmichim besitzen?“ eher flache theoretische Antworten hervorrufen wie z.B. Rücksichtnahme oder Respekt.

Warum ist im Modell Matzmichim das Nennen von Namen dennoch von äußerster Wichtigkeit?

  • Hinter dem Namen steckt ein Kind, das Modell für Inspiration und Nachahmung sein

Mit einer Frage wie „Nennt den Namen eines Mädchens oder eines Jungen aus der Klasse/Jahrgangsstufe, die sowohl witzig und nett zugleich sind (d.h. Humor benutzen, ohne zu verletzen)?“ bitten wir Mädchen auch um Namen von Jungen und Jungen auch um Namen von Mädchen. Haben dann die Mädchen in der Klasse den Namen eines Jungen aus der Jahrgangsstufe genannt, den sie für witzig und nett zugleich halten, dann wird der Witzbold der Klasse nicht anders können, als das Verhalten des Witzbolds der Jahrgangsstufe zu beobachten, jeden seiner Scherze und die jeweilige Reaktion des Publikums zu analysieren. War der Scherz verletzend oder nicht? Hat das Publikum gelacht oder nicht? Die Beobachtung des Konkurrenten aus eigener Initiative wird viel gründlicher und ernsthafter sein als sie es im Rahmen eines vom Lehrer erteilten Projekts wäre.

Manchmal reagiert der Witzbold der Klasse mit einem Satz wie: „So witzig ist der ja gar nicht …“, und das ist für unsere Zwecke geradezu wunderbar, denn die Kritik, die wir vom Klassenwitzbold hören, bedeutet so viel wie „ das ist nicht unmöglich“, was der andere macht, ist auch für mich einigermaßen leicht erreichbar.

Theoretisch bringt das oben Gesagte vielleicht nichts Neues, denn viele Erzieher*innen sagen den Witzigen unter ihren Schützlingen, sie dürften gern Witze machen aber nur, ohne andere zu verletzten. Dies bleibt aber eine abgehobene Forderung, solange die Schüler*innen aus dem Gespräch keine Beispiele realer Kinder mitnehmen, denen es nach Meinung der Klasse gelungen ist, sowohl witzig als auch wohlwollend zu sein.

  • Statusverbesserung als Anreiz zu prosozialem Verhalten

Was passiert mit dem sozialen Ansehen jenes Jungen aus der Jahrgangsstufe, dessen Verhalten von den Mädchen und Jungen einer anderen Klasse als matzmichim beurteilt wurde? Sein Status wird sich etwas steigern und hierin liegt das Fundament unseres Modells. Wir gehen vom gegebenen Zustand aus, in dem Schüler*innen sich durch Aggressivität Status verschaffen, und bringen die Kinder dazu, genau diesen Status aber durch prosoziales Verhalten auszubauen und zu verstärken. Um das zu erreichen, müssen Namen genannt werden, sonst bleiben wir bei theoretischen Einsichten, die den Status von Matzmichim in der Realität nicht anheben und deswegen auch keinen Anreiz darstellen, ihnen nachzueifern.

Was bei Namensnennungen zu vermeiden ist

Unterlaufen einer Lehrkraft bei der Namensnennung Fehler, so kann das zu Kränkungen bei denen führen, die nicht genannt wurden, und Konkurrenzdenken, Feindseligkeit und Abwehr hervorrufen. Hier einige Verhaltensregeln, die dazu beitragen können, nachteilige Effekte dieser Methode zu mildern.

Nur eins von zehn Kindern wird namentlich genannt

Es sollte als Regel gelten, dass in einer Klasse von dreißig Kindern nur drei Namen fallen, und dabei ist es von Vorteil, dass jeder Name in einer anderen Kategorie genannt wird, beispielsweise auf dem Fußballplatz, in einer WhatsApp-Gruppe etc..

Hinter dieser Regel steht die Erfahrung, dass man Gefahr läuft, das Gegenteil des Gewünschten zu erreichen, wenn man sie nicht befolgt. Wir kennen einen Fall, in dem eine Lehrerin eine anonyme Abstimmung zu der Frage machen ließ: „Wer ist das Kind, dessen Verhalten im Netz dem der Matzmichim am nächsten kommt?“ Nach Abgabe der Zettel entschied sie entgegen unserer Anleitungen, die Stimmen „wegen der Transparenz“ öffentlich vor der Klasse auszählen zu lassen, und jeden Namen, der eine Stimme erhielt, an die Tafel zu schreiben. Das Resultat war erwartungsgemäß, dass fünf Kinder je vier Stimmen erhielten, gewisse Kinder erhielten eine oder zwei Stimmen und der Rest ging leer aus. Man kann sich die Enttäuschung und Entfremdung der meisten Schüler*innen leicht ausmalen. Ähnliche Reaktionen wird man auslösen, wenn zu viele Namen als mögliche Matzmichim genannt werden.

Die Namen für sich behalten

Ob wir nun einem bestimmten Kind die Nennung eines Namens erlauben oder nicht, um den besten Effekt bei einem Minimum an Kränkung zu erreichen, sollten wir sicherstellen, dass jede*r Schüler*in bei jeder Frage nur einen Namen im Kopf hat.

  • Der /die Anleiter*in (mit sanfter Stimme): „… aber wirklich, ohne die Namen laut zu sagen, möchte ich, dass jede*r von euch an ein Kind denkt, das sich bei WhatsApp einmischt, um eine*n andere*n Teilnehmer*in zu verteidigen. Ihr braucht nichts zu sagen, hebt bitte nur die Hand, wenn ihr einen Namen im Kopf habt, damit ich Bescheid weiß.“ Der / die Anleiter*in wendet sich auch an Kinder, die sich noch nicht gemeldet haben, erklärt die Frage noch einmal und bittet sie, auch ein bestimmtes Kind zu wählen. Erst wenn alle oder zumindest fast alle Schüler*innen die Hand gehoben haben, wendet der / die Anleiter*in sich an ein Kind mit der Bitte, den Namen zu
  • Damit nicht zu viele Namen genannt werden (s. oben), ist es möglich zu variieren, indem man bei einem Teil der Fragen die Namen nennen lässt, bei einem anderen jedoch nicht. Wenn der / die Anleiter*in auf die Nennung von Namen verzichtet, kann sie die Kinder dennoch bitten, an jemanden zu denken, und sich dann wie folgt an einen Schüler wenden: „Sag den Namen jetzt bitte nicht laut, aber hast du ein bestimmtes Kind im Kopf, das … sehr gut, wie hat sich dieses Kind verhalten?“ Erfahrungsgemäß sind die Antworten auch ohne die Nennung eines Namens reichhaltig und für die speziellen Probleme der jeweiligen Gruppe relevant.

·         Aus der Jahrgangsstufe und nicht aus der Klasse

Mit der Anweisung, bei einem Teil der Fragen an eine*n Schüler*in aus der Jahrgangsstufe und nicht aus der Klasse zu denken, erspart man sich Eifersucht, Demütigung und giftiges Konkurrenzdenken innerhalb der Klasse. Wird zum Beispiel ein Junge aus der Jahrgangsstufe genannt, der auf positive Art witzig zu sein versteht, dann kann der Witzbold der Klasse sich immer noch mit dem Gedanken trösten, er hätte vielleicht einige Stimmen bekommen, wenn es möglich gewesen wäre, jemanden aus der Klasse selbst zu wählen, wird gleichzeitig aber nicht umhin können, den genannten Jungen zu beobachten, um von ihm zu lernen, wie man die Aufmerksamkeit der Mädchen bekommt, in dem man witzig, aber nicht verletzend ist.

·         Die Pyramiden flach halten 

Sehr wichtig ist es, die Frage nach dem / der Besten unter den Matzmichim nicht zu stellen, denn das könnte dazu führen, dass neben der Pyramide der Angesagten eine Pyramide der Matzmichim entsteht. Die Hälfte der Kinder, die vor unserer Intervention wussten, dass sie nicht zu den Beliebten gehören, wird dann denken, dass sie auch nicht zu den Matzmichim gehören. Stattdessen aber wollen wir doch den Kindern helfen, sich Dutzende verschiedener Pyramiden vorzustellen – da gibt es jemanden, der die Gemüter im Internet abkühlt, und jemanden, der dafür sorgt, dass ich nicht außen vor bleibe, jemanden, für den alle gleichwertig sind, jemanden, der mir beim Lernen hilft, obwohl er nicht zu meinen besten Freunden gehört etc.

Flache Pyramiden ermöglichen mehrere Kategorien, in denen die Kinder die Matzmichim ihrer Umgebung benennen können. Im Gegensatz zu der Frage nach dem Besten auf jedem Gebiet fragen wir lieber: Wer hat ein Kind bemerkt, das Rücksicht nahm? Einen Streit beschwichtigte? Hier können ebenfalls Fragen nach persönlichen Erfahrungen eingeflochten werden: Wer hat mich beruhigt? Wer hat sich bemüht, mich in die Gruppe aufzunehmen? Wer hat mir das Gefühl gegeben, dass ich an seiner Seite auch einmal etwas falsch machen darf? Manchmal ist auch eine Bemerkung wie „Sicher fallen euch jetzt mehrere Namen ein, wählt jetzt aber nur einen aus“ hilfreich. Damit machen wir klar, dass wir keine Leiter wollen, bei der auf jeder Stufe nur wenige Kinder Platz haben, vielmehr sollen sich alle als Matzmichim fühlen und betätigen können.

·         Veränderung: Im Vergleich und im Wettbewerb mit sich selbst

Die Schüler*innen sollten ermutigt werden, darüber nachzudenken, welche Kinder oder Klassen sich ihrer Meinung nach verändert haben, damit sie bemerken, dass sich Veränderungen permanent vollziehen. Die Beobachtung von Veränderungen und die Beschäftigung mit unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten machen den Kindern Hoffnung, denn das Rad dreht sich unentwegt und bietet jedem neue Chancen.

Die namentliche Nennung kann bei den Schüler*innen zu Konkurrenzdenken führen oder ihnen das Gefühl vermitteln, gescheitert zu sein. Natürlich versuchen wir stets zu verhindern, dass Schüler*innen seelisch verletzt werden, beispielsweise weil sie nicht genannt wurden, sei es nun ein unscheinbares Kind oder ein aggressiver Klassenheld.

Nicht die Fähigkeit, der Erste zu sein, steht im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, hilfreich aufbauend und damit bedeutsam für andere zu sein. Dabei sollten die Schüler*innen sich nur mit sich selbst vergleichen.

Es gibt einen Wettbewerb, aber der wird vom Einzelnen mit sich selbst ausgetragen: Wie viele in meiner Gruppe empfinden mich als aufbauend? Wie viele Kinder habe ich diesem Jahr dazu gebracht, mir Vertrauen zu schenken? Wie viele möchte ich dazu bringen? Wer kann mir in dieser Beziehung Ratschläge geben? Die Gegebenheiten verändern sich laufend. In schwierigen Zeiten kommt es vielleicht vor, dass ich mich in mich selbst zurückziehe und mich weniger auf meine Fähigkeit zu helfen konzentriere.

·         … nicht nur von guten Freunde*innen …

„Wer ein fallendes Blatt aufhebt, beweist noch keine Kraft … Wer Donnerschläge vernimmt, muss kein feines Gehör haben …“ (Sun Tzu)

Wer sich für einen guten Freund einsetzt, der im sozialen Netzwerk beleidigt worden ist, gehört noch nicht unbedingt zu den Matzmichim, denn so verhält man sich auch in Cliquen oder Gangs. In der Klassen der Schwererziehbaren hört man Sprüche wie:

„Ich lass für meinen Freund mein Leben, auch wenn Blut fließt oder es Schläge setzt, auch wenn uns fünf Typen angreifen, wir halten zusammen bis ans Ende, er macht das auch für mich, das ist wahre Treue. Uns kann keiner was.“ Diese Art von Gang-Slang wollen wir in den Klassen nicht unterstützen. Uns geht es um den Aufbau einer Gemeinschaftskultur, nicht um den Zusammenhalt innerhalb geschlossener Gruppen. Deswegen werden viele Fragen mit einem Zusatz wie: „… und nicht nur deine besten Freund*innen“ gestellt. Ein Beispiel: „Nenne mir jemanden, der / die sich dafür eingesetzt hat, dass du nicht außen vor geblieben bist, obwohl er / sie nicht zu deinen engsten Freund*innen gehört.“

Ausnahmen: Wie können wir vermeiden, dass die Schüler*innen auf jemanden verweisen, der kein gelungenes Vorbild ist – wie besonders schwache Kinder oder kleine Möchtegern-Gangster?

Es ist wichtig, dass als Matzmichim Schüler*innen genannt werden, die auch wirklich Vorbildcharakter haben. Auf Fragen wie z. B. „Wer flucht oder streitet sich nicht bei WhatsApp?“ erhalten wir möglicherweise die Namen von stillen Kindern, die von der Klasse als Streber gebrandmarkt werden.

Stattdessen könnte man fragen: „Wer vermeidet es, zu fluchen oder andere zu beleidigen, auch wenn ihm das Spiel Clash Royale wichtig ist? Aber nennt mir jetzt niemanden, dem es völlig schnuppe ist und der sich nicht oft zu Wort meldet. Nennt mir jemanden, der oft dabei ist und gern gewinnen möchte, andere Kinder aber trotzdem nicht beleidigt.“

Tabelle mit Beispielen zur Fragetechnik in solchen Fällen:

Inhalt der FrageProblematische FormulierungEmpfohlene Formulierung
Kinder meinen oft,
wenn sie in einen
Streit geraten,
müssten sie bis zum
Äußersten gehen
(hetzen, fluchen usw.)
Wenn wir fragen: „Wer
geht nicht bis zum
Äußersten?“ wird
möglicherweise ein
schwaches, passives Kind
genannt.
„Du hast mit diesem Kind
gestritten oder streitest dich
noch mit ihm, aber er / sie hat
eine Art zu streiten, die dir
Respekt abverlangt.“
Manche Kinder
schauen bei einem
Streit zu oder erhitzen
die Gemüter. Wir
möchten sie
ermutigen,
beruhigend
einzugreifen oder
einen Kompromiss
vorzuschlagen.
Fragen wir nun: „Wer
schlichtet Streitereien?“
könnten die Kinder auf
einen aggressiven
Mitschüler deuten, der sich
gern kampfbereit
einmischt, um seinen
Status auszubauen.
„Nennt mir kein Kind, das sich
als Gangleader aufspielen
möchte oder seine Nase in
Dinge steckt, die es nichts
angehen. Nennt mir bitte ein
Kind, das es stört, wenn andere
streiten, das möchte, dass man
sich wieder verträgt.“
Angesagte Kinder
treten aggressiv auf,
und die
Mitschüler*innen
meinen nun, das sei
der einzige Weg zu
Ansehen und Beliebtheit.
Lautet die Frage in etwa:
„Wer verhält sich den
Mitschüler*innen
gegenüber nett?“ dann
deuten die Schüler*innen
vielleicht auf ein Kind, das
sich zwar nicht aggressiv verhält, aber auch nicht besonders beliebt ist.“
„Kinder, die beliebt und
Matzmichim sind, können mit
jedem spielen, der ihnen gefällt,
tun es aber auf angenehme Art,
ohne ihre Beliebtheit
auszunutzen. Ihnen ist es
wichtig, wie das andere Kind
sich fühlt.“
Es fehlt oft an
Gutmütigkeit anderen
gegenüber und erst
recht an aufrichtiger
Freundlichkeit.
Wenn wir fragen: „Wer ist
wirklich gutmütig?“ wird
vielleicht auf ein Kind
gedeutet, das oberflächlich
oder unterwürfig ist.
„Wer ist ein Kind, das sich
nicht einschleimen will (und
immer gleich „super, super,
super“ sagt), sondern ein Kind,
das im richtigen Moment das
richtige Wort findet?“
  • Das obige gilt für alle möglichen Klassensituationen, in denen ein unpassendes Vorbild gewählt.
  • Um sicherzustellen, dass die Kinder ein passendes Vorbild wählen, sollte die Lehrkraft die Fragen zu Hause schriftlich festhalten und die Formulierung während des Einübens noch präzisieren.

4.5 Das Thema Matzmichim als Internetpräsenz

Der Begriff Matzmichim sollte nicht nur in zielgerichteten Unterrichtsstunden erörtert werden, sondern in kleinen Portionen tagtäglich auch im Internet, insbesondere in den sozialen Netzwerken, auftauchen. In jedem Gespräch über das soziale Verhalten und das Klima im Netz empfiehlt es sich, Fragen einzuflechten, die auf ein nachahmenswertes Vorbild verweisen.

  • In Prüfungszeiten können wir beispielsweise fragen: “Welche von den Aktivitäten im Netz helfen euch in diesen stressigen Zeiten beim Lernen, welche beruhigen euch? Was erleichtert den Druck, was bringt euch zum Lachen, damit ihre diese Zeit sogar mit Spaß hinter euch bringenkönnt?

  • Vor den großen Ferien können wir fragen: „Was machen Kinder im Netz, von denen ihr am Ende der Ferien sagen würdet, also echt, die haben sich wie Matzmichim verhalten? Wie können Kinder in den Ferien bei WhatsApp als Matzmichim auftreten?“
  • In kurze Morgengespräche lassen sich Matzmichim-Fragen einbeziehen wie: „Wem fallen Kinder ein, die in der letzten Zeit für eine angenehme Atmosphäre in der Klasse gesorgt haben?

Relevanz für die Klasse und Umgang mit negativen Erscheinungen

Jede negative Interaktion in der Klasse kann zum Ausgangspunkt für Fragen werden, die den Prozess vielleicht umzukehren vermögen.

  • Wenn ein Kind erklärt: „In dieser Klasse kann man sich auf niemanden verlassen“, dann raten wir der Lehrkraft sanft zu fragen: „Du sagst also, es ist schwer, den Mitschüler*innen hier zu trauen, aber gibt es vielleicht jemanden, der zumindest versucht, vertrauenswürdig zu sein? Wie sollte der sich verhalten? Wem gelingt es vielleicht einwenig?“
  • Unser Team wurde an eine gut etablierte religiöse Schule eingeladen, in eine Klasse, die innerlich so zerstritten war, dass selbst Freundschaften nicht einmal minimalen Beistand garantierten. Einer der Missstände, über den geklagt wurde, war der Verrat von persönlich anvertrauten Geheimnissen. Meine Frage an die Klasse lautete: „Wer von euren Mitschüler*innen ist dennoch in der Lage, ein Geheimnis zu bewahren und die Privatsphäre des anderen zu respektieren?“

4.6 Weitere Vorteile des Matzmichim-Modells

    1. Es handelt sich um ein offenes Modell, das vielfältige Möglichkeiten und Verhaltensweisen offeriert. Der Begriff Matzmichim ist als weiter Oberbegriff zu betrachten. Wir möchten die Kinder ermutigen, selbst die Handlungsweisen zu wählen, die ihnen positive Gefühle – wie zum Beispiel das Gefühl der Zugehörigkeit – vermitteln. Jede Gruppe erhält Gelegenheit, den Begriff Matzmichim mit Vorgehensweisen zu füllen, die den speziellen Herausforderungen entsprechen, vor denen gerade diese Gruppe steht.
    2. Beschäftigung mit dem Positiven: Gerade in Gruppen, die am meisten Hilfe brauchen (Grundschulklassen, in denen Kinder oft boykottiert werden, oder Gruppen schwererziehbarer Jugendlicher) begegnen die Schüler*innen der Kritik von Erwachsenen mit Misstrauen und Abwehr. Wenn sich das Gespräch um negatives Verhalten dreht, dann neigen diese Gruppen zur Abwehr, sie können sich verschließen und abschalten. Die Fokussierung auf das Positive ermöglicht auch Kindern und Jugendlichen, die sich sonst ablehnend verhalten, sich für ein Zuhören und Lernen zu öffnen.
    3. Verstärkt die „Positiven“ und schwächt die „Negativen“, ohne sie zu kränken, sie zu brandmarken oder Abwehr hervorzurufen: Wir haben das Ziel, negatives Verhalten zu schwächen, nicht aber die Kinder, die sich so verhalten. In der Auseinandersetzung mit den beliebten aggressiven Schülern, muss die politisch- gesellschaftliche Akzeptanz dieser Kinder geschwächt werden, die es ihnen erlaubt, in der Klasse auf bestimmte Art hervorzutreten. Hier bewegen wir uns auf einem schmalen Grat, den nur Pädagog*innen präzise abzustecken wissen.
    4. Stärkt die Persönlichkeit der Schüler*innen: Der Prozess baut sich auf wie eine umgedrehte Pyramide. Dadurch, dass die Matzmichim, die es in jeder Klasse gibt, beobachtet werden, füllt sich der Begriff mit Inhalt; die Situationen und Handlungsweisen, die bestimmte Kinder in den Augen ihrer Mitschüler*innen zu Matzmichim machen, lassen sich analysieren. Anschließend untersuchen wir verschiedene Situationen und bitten die Schüler*innen, diejenigen zu entdecken, die eine empathische Atmosphäre schaffen. Am Ende entdeckt dann jede*r Schüler*in Tätigkeiten und Situationen, in denen sie / er selbst sich anderen Menschen im Alltag gegenüber rücksichtvoll und aufbauend gezeigt hat.
    5. Gibt auch den Introvertierten einen Platz: Indem wir das Augenmerk auf bestärkende, empathische Verhaltensweisen lenken, veranlassen wir Schüler*innen, auch Namen von Kindern zu nennen, die aus innerer Verpflichtung heraus und in aller Stille handeln. Die Erfahrung zeigt, dass gerade introvertierte Kinder von den anderen oft als Matzmichim bezeichnet werden. Dadurch wird der Wert eines bescheidenen Auftretens bestärkt, der gerade in unseren Zeiten der Äußerlichkeiten und Selbstvermarktung wichtig ist. Kinder werden ermutigt, authentisch zu sein. (Welches Kind ist nicht angeberisch, und man fühlt sich in seiner Nähe einfach wohl?“)
    6. Ermutigung im Vergleich zwischen empathischen Freundschaften und solchen, die es nicht sind. Etliche Freundschaften, besonders bei jüngeren Kindern, sind nicht ausgewogen. Die Beschäftigung mit der Frage „Wer von meinen Freud*innen baut mich auf?“ fördert gesündere Beziehungen. In derWhatsApp-Gruppe einer Klasse in Zentralisrael ließ sich beobachten, wie das Matzmichim– Modell ins alltägliche Leben der Kinder aufgenommen wurde, denn sie bevorzugten empathische Freund*innen (anstelle von Beliebtheit aufgrund von Aussehen/Geld/Schönheit).
    7. Aufdeckung des verborgenen Preises, den die Beliebten für negatives Verhalten zu zahlen haben. Die Trainer*innen unseres Zentrums haben jahrelang nach einem attraktiven Angebot gesucht, das sie beliebten aggressiven Schüler*innen mit guten Noten, die zu jedem sozialen Ereignis eingeladen wurden, machen konnten, da einem solchen Typus anscheinend jeder Anreiz fehlt, das eigene Verhalten zu ändern. Wenn es gelingt, Wertschätzung für Matzmichim in der Klasse einzuführen, bemerken die Aggressiv-Beliebten, dass es wichtige Eigenschaften gibt, die ihnen ihre Freund*innen nicht zuschreiben und dass sie letztlich für die Späße und Manipulationen, auf denen ihre Beliebtheit beruht, sehr wohl einen Preis zu zahlen haben, einen Preis, der sich in einem Mangel an Wertschätzung und Vertrauen zeigt.
    8. Kampf gegen die Gewalt, nicht gegen die Schüler*innen: Als eine der Grundvoraussetzungen für Modelle zur Verringerung der Gewalt haben wir im Zentrum festgelegt, dass dies stets mit einer Förderung der Schüler*innen und ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit vonstatten gehen muss. Zu oft haben wir mit ansehen müssen, wie der Kampf gegen die Gewalt zu einer Verletzung der Kinder ausartete. Dazu gehören beispielsweise das Beharren auf einer Strafordnung, das Anbringen von Kameras im Schulhof sowie Verweise von der Schule. Wenn wir die wachsende Entfremdung unter den Schüler*innen in Israel als besorgniserregendes Problem betrachten, dann müssen die Methoden der Bemühungen gegen Gewalt zur Verringerung von Entfremdung beitragen und sie nicht noch vergrößern, wie es die Instrumente des Modells „Null Toleranz“ tun.
    9. Ein Modell ohne Spitzenposition, das für jedes Kind der Gruppe oder Klasse gleichermaßen relevant sein soll. Es ist wichtig, alle Kinder der Klasse einzubeziehen. Manche Modelle wie Führungs- oder Vermittlungsprojekte wenden sich an Schüler*innen mit besonderen Begabungen und lassen die meisten Kinder der Klasse außen vor.
    10. Nebenresultat: Aufbau einer dem Allgemeinwohl dienenden Führungskultur: Mit dem Wachsen der sozialen Netzwerke machen sich in der allgemeinen Politik hassverbreitende Formulierungen, eine Abspaltung von Teilen der Gesellschaft und Xenophobie bemerkbar. Infolge des allgemeinen Vertrauensverlustes in das politische System werden Kandidat*innen gewählt, denen es an Erfahrung fehlt. Unser Modell möchte zum Wohl unserer zukünftigen Gesellschaft die positiven Kräfte in der Jugend verstärken, die keine Selbstdarstellung betreiben und nicht mit Hass und Gerüchten arbeiten, sondern die sich vielmehr hinter den Kulissen um Zusammenhalt bemühen, die Gemüter beruhigen, Aggressionen abbauen und niemanden aus dem sozialen Zirkel ausschließen.
    11. Das Modell basiert auf Feldarbeit: Das Modell entstand im Laufe jahrelanger Arbeit in Hunderten von schwierigen Klassen, in langen, intensiven Prozessen, oft „mit dem Rücken zur Wand“ stehend. Zurzeit, während des Schreibens dieser Zeilen, wird es seit vierzehn Jahren in Hunderten von Klassen jährlich erprobt. Näheres über die begleitende Evaluierung ist auf unserer Webseite zu finden: www.sos-gewalt.de
    12. Die Vermittlung einer Vision – für Schüler*innen, die ganze Schule und die Gemeinschaft. Während die Modelle von „Null Toleranz“, die auf Gegenmaßnahmen beruhen, weder Inspiration noch Motivation vermitteln, offeriert das Matzmichim-Modell eine Vision, für die Schüler*innen persönlich, für die Klasse, für die ganze Schule – ohne dass Merksätze wiederholt oder Übereinkünfte aufgeschrieben werden müssen, ganz allein durch die Fokussierung auf Verhaltensweisen.
    13. Das Modell ist flexibel und für jedes Alter relevant: Es ist anwendbar auf Kinder jeden Alters wie auch auf das Lehrkollegium. Damit sickern die Resultate durch alle Altersgruppen, pädagogischen Kreise und Strukturen des Erziehungswesens.
    14. Der Sinn für die Wichtigkeit sozialer Sensibilität wird entwickelt: Das Modell fördert bei den Schüler*innen die Fähigkeit, sensibles Sozialverhalten zu erkennen, anzuerkennen und anzuwenden. Sie erkennen Kummer und Leid (wo andere es nicht wahrnehmen), beschwichtigen Streit, verbessern die Atmosphäre in der Gruppe, verschaffen mehr Kindern das Gefühl der Zugehörigkeit etc. Sie erkennen, dass bestimmte Verhaltensweisen wie Aufmerksamkeit, Zurückhaltung,ein aufrichtiges Lächeln, Geduld und Wärme Instrumente sein können, um das Leben einzelner und der Gruppe insgesamt zu verändern.

 

 

 

 

 

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