Pädagogischer Hintergrund

Die Reduktion von Gewalt und die Eröffnung positiver Alternativen gehen Hand in Hand. Das von SOS Violence entwickelte Modell setzt neue Anreize, durch die Kinder und Jugendliche ihren sozialen Status durch pro-soziales Verhalten schaffen und verbessern (und nicht durch Gewalt). Es fördert dabei neue Denkweisen und stellt beispielsweise SchülerInnen als Vorbild heraus, die sich um das Wohlergehen und das Zugehörigkeitsgefühl ihrer MitschülerInnen kümmern und zudem einen gleichberechtigten Umgang miteinander fördern.

„Growing Children“- Modell

Hintergrund

Viele Jahre der Praxiserfahrung unserer TrainerInnen im Bereich der De-Eskalation und Konfliktlösung zeigten einen Bedarf eines zweiten Arbeitsschwerpunktes. In der alleinigen Arbeit mit „Störenfrieden“ konnte nur ein Teil der Kinder einer Schulklasse adressiert werden. Zudem hinterließ die Reduktion von Gewalt ein Vakuum, das es zu füllen galt. Es stellte sich die Frage nach der besten Möglichkeit, Eigenschaften von Kindern hervorzuheben, die das Klassenklima zu einem offenen und allen zugänglichen Leb- und Lernumfeld werden zu lassen. Jedes Kind hat Lebensbereiche, in denen es diese Eigenschaften zeigt. Wir haben uns mit dem von uns entwickelten Arbeitsansatz Growing Children („Kinder machen Kinder stark“) die Aufgabe gestellt, diese Wachstumsfördernden Eigenschaften zu fördern und dadurch neue Vorbilder zu schaffen.

Das „Growing Children“-Modell stärkt SchülerInnen. Es zeigt ihnen, wie sie reflektiert miteinander kommunizieren, zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen können. Das Programm hebt die Tatsache hervor, dass jeder und jede Stärken hat, die für das Wohl aller eingesetzt werden können. Nicht die „Mobber“ stehen wie sonst im Vordergrund, sondern die Kinder, die sich um andere bemühen.

In diesem Prozess arbeiten wir mit der Klasse als Ganzes und gleichzeitig, durch den Bezug auf die eigenen Stärken, mit jedem Schüler/ jeder Schülerin individuell. Diese Verlagerung des Arbeitsschwerpunktes, von der unmittelbaren Notintervention zur Stärkung sozialer Kompetenzen und Fähigkeiten ist grundlegend für den israelischen Namen der Organisation – Matzmichim (=wachsen lassen /sich entwickeln).Diese Schwerpunktsetzung und der von Matzmichim gesetzte Fokus, kann das Klima einer ganzen Schulklasse, der Familie jedes einzelnen Kindes und  so auch Stück für Stück der Gesellschaft verändern.

Leadership Programm

Das „Leadership Programm“ stellt ein auf das „Growing Children“- Modell aufbauendes alternatives Modell der Schülervertretung dar. Die SchülerInnen wählen in den Workshops diejenigen Kinder ihrer Klasse aus, die ihrer Meinung nach besonders unterstützend sind. Durch diesen Wahlprozess werden die häufig negativen Aspekte einer Wahl zur Schülervertretung (wie z.B. Wahl aufgrund von Äußerlichkeiten, Aggressivität der Wahlkandidaten um den eigenen Status zu verbessern, etc.) vermieden. Die gewählten, starkmachenden Kinder nehmen dann im Anschluss an Workshops in vier Gruppentreffen teil. In diesen „Leadership“-Treffen (=Treffen der gewählten Growing Children) werden die Themen der vorangegangenen Workshops vertieft und die gewählten Kinder dazu ermutigt, weiterhin die Kräfte der MitschülerInnen, die zu einem gleichberechtigten Umgang miteinander führen, zu stärken und sich für die Klasse einzusetzen.

Weitere Pädagogische Grundsätze unserer Arbeit

Mädchen fühlen sich, aufgrund der ihnen zugeschriebenen Rollenbildern und bestimmter Traditionen oft weniger bemächtigt, ihre eigene Meinung nach außen zu vertreten. Umso wichtiger ist es uns, sie aktiv mit in die Aktivitäten und Diskussionen des Workshops einzubeziehen, um gezielt an der Auflösung dieser Tendenzen zu arbeiten, um mit der gesamten Klasse einen Änderungsprozess zu bewirken.

Teilhabe der LehrerInnen und SchulberaterInnen: Ein sehr wichtiger Teil des Arbeitsansatzes von SOS Gewalt ist die Teilnahme der LehrerInnen und SchulberaterInnen. Dadurch lernen sie nicht nur ihre SchülerInnen neu kennen, sondern lernen gleichzeitig mehr über die Anwendung von Gewaltpräventionsmaßnahmen und Umgangsformen, die sie dann auch zukünftig einsetzen können. Dies steigert die Nachhaltigkeit der durch den Workshop erzielten Veränderungen.

Virtuelle Gewalt

Virtuelle Kommunikation gehört zum Alltag und Leben der SchülerInnen.

Die virtuelle Welt nimmt einen immer wichtigeren Platz im Leben von Kindern und Jugendlichen ein. Für Kinder, die in Israel aufwachsen, einem Land in dem Internet und neue Medien zum Alltag gehören, sind Smartphones und die Kommunikation mit anderen Kindern durch diese normal: Freundschaften werden über soziale Netzwerke gepflegt, Beziehungen beginnen und enden oft im Internet. Der eigene Status wird wesentlich durch Beiträge im Internet definiert. Auch wenn die virtuelle Welt ein alltäglicher Teil des Lebensumfelds der Kinder und Jugendlichen ist, wissen sie nicht immer, wie damit umzugehen ist und welche Gefahren sich dahinter verbergen.

 Einige Daten der „Israeli Internet Association“:

  • 25% der Kinder in Israel geben zu, falsche Identitäten im Internet zu nutzen.
  • 23% der Kinder in Israel haben angegeben, das Profil eines anderen Kindes genutzt zu haben.
  • 40% der Kinder in Israel sagen, dass sie bereits Inhalte im Internet versendet haben, die sie später bereut haben.
  • 80% der Kinder in Israel kennen ein anderes Kind in ihrem Alter, von dem ohne vorherige Zustimmung intime Bilder im Internet verbreitet wurden.

SOS Violence will nicht von der generellen Nutzung von sozialen Netzwerken abraten, sondern die Kinder zum richtigen Umgang ermutigen.

Die neuen Technologien haben ihre guten Seiten, können aber beispielsweise auch als Medium der Massenverbreitung genutzt werden – eine Funktion, die für Kinder und Jugendliche nur schwer nachvollziehbar ist. Ohne Anleitung können sie das Ausmaß an möglichen, durch die Medien herbeigeführten Schäden jedoch nicht verstehen. Das Drücken einer einzigen Taste genügt, um enormes Leid zu verursachen. Kinder laufen Gefahr innerhalb von Sekunden einen immensen Schaden zu verursachen, den sie nicht mehr rückgängig machen können. Oft wird ihnen das Ausmaß ihrer Handlungen erst bewusst, wenn der Schaden bereits entstanden ist. Es ist deshalb sehr wichtig, dieses Thema unter SchülerInnen und LehrerInnen zur Sprache zu bringen. SOS Violence gibt den Kindern und Jugendlichen Raum, sich über ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit der virtuellen Welt auszutauschen. Wir diskutieren gemeinsam über verschiedene Formen der virtuellen Gewalt und statten sie mit Methoden, Werkzeugen und Werten aus, damit sie damit umgehen können.

Opfer sind sich den Verletzungen im Internet oft nicht bewusst und können den Auswirkungen nicht entfliehen.

Laut einer Umfrage von Prof. Rolider (2014) melden Kinder und Jugendliche eher körperliche Gewalt als virtuelle Gewalt, aus Angst davor, aus dem virtuellen Leben ausgeschlossen zu werden (z.B. durch die Eltern).

Gegen Virtuelle Gewalt wird weitaus weniger Laut der „Broken Window“ Theorie von Kelling und Wilson nimmt das Verantwortungsgefühl und das Empathieempfinden zudem ab, je mehr Menschen einer gewaltvollen Situation zusehen – der/ die Andere könnte ja eingreifen. Im Internet gibt es zur gefühlten Distanz zum Geschehen zusätzlich meist viele „Zuschauer“, wodurch das Gefühl, gegen die Gewalt eingreifen zu müssen, oft geringer ist. Virtuelle Gewalt bleibt deshalb oft unbeantwortet.

Virtuelle Gewalt kann sowohl zeitlich als auch örtlich unbegrenzt stattfinden.

Im Gegensatz zu körperlicher und verbaler Gewalt ist virtuelle Gewalt nicht auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Raum (z.B. Mobbing in der Schule) begrenzt. Kinder sind in Sozialen Netzwerken meist den ganzen Tag und auch nachts online. Opfer von virtueller Gewalt drohen zu „ersticken“, da Anfeindungen sie durch die neuen Medien rund um die Uhr und überall – auch in ihren privaten Räumen – erreichen können. Es gibt keinen Ort, an dem sie sicher sind. Dieses Gefühl des „Erstickens“ und des Missbrauchs über das Internet kann dramatische Auswirkungen und Folgen für die Kinder haben.

Der Ansatz von SOS Violence bezüglich Virtueller Gewalt

Wir haben gesehen, dass Null-Toleranz-Ansätze und sehr autoritäre Modelle nach Fehlverhalten in diesem Bereich keinen Erfolg haben und nicht die gewünschte Veränderung herbeiführen – geschweige denn, den entstandenen Schaden wieder gutmachen können. Das Ziel von SOS Violence ist es daher, durch unterstützende Workshops Gewalt zu reduzieren und ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Anstatt den SchülerInnen zu sagen, was richtig und falsch ist, setzten wir an dem Punkt an, dass 40% der Kinder und Jugendlichen etwas, das sie in der virtuellen Welt gepostet/ verbreitet haben, im Nachhinein bedauern. Wir wollen ihnen dabei helfen, neue Wege zu finden, um in Zukunft auf eine Art und Weise über das Internet kommunizieren zu können, die sie später nicht bereuen.

Unsere Arbeit an den Schulen ist wichtig, um mit den SchülerInnen über virtuelle Gewalt zu sprechen und sie so aktiv in die Gewaltprävention mit einzubeziehen – denn wenn virtuelle Gewalt gegenüber Erwachsenen verschwiegen wird, müssen die SchülerInnen umso mehr selbst dagegen aktiv werden.

Viele der SchülerInnen verstehen nicht, dass durch die Kommunikation übers Internet schneller harte Worte fallen und Konflikte oft viel dramatischer verlaufen. Die Nutzung von Medien als Kommunikationsmittel schafft eine gewisse Anonymität und Ferne, wodurch Kinder und Jugendliche zum Teil Dinge tun oder sagen, die sie im wirklichen Leben nie tun oder sagen würden. So verstehen viele SchülerInnen nicht, dass Dinge, die sie im Internet teilen für andere Kinder beschämend oder verletzend sein können. Wir versuchen durch unsere Workshops den SchülerInnen ein Gefühl dafür zu geben, dass nicht alles, was durch Medien möglich ist, auch gut für sie und andere ist. SchülerInnen sollen wissen, wie sie trotz der zunehmenden unpersönlichen Kontakte über Medien, die Eskalation von Streitigkeiten, das Zunehmen von Gewaltbereitschaft und das Ausschließen anderer Kinder vermeiden können.

NUTZE EXISTIERENDE WERTE UND VERÄNDERE DADURCH NEGATIVES VERHALTEN

Durch spezielle Fragestellungen realisieren die Kinder selbst, welches Verhalten im Internet sie für gut oder schlecht halten.

  • Was denkst du über einen Jungen/ ein Mädchen, der/ die dir ein Foto schickt, das du nicht haben wolltest (z.B. weil es etwas Intimes darstellt)?
  • Stell dir vor, dass du einen netten Jungen/ein nettes Mädchen triffst, der/die gerade neu zugezogen ist. Du weißt noch nichts über ihn/sie, willst aber unbedingt mehr erfahren, weil du ihn/sie wirklich nett findest. Du schaust dir seine/ihre Seite bei Facebook an und entdeckst, dass er/sie Mitglied in „Hategroups“ ist und negative Bilder und Videos teilt. Ändert das deine Einstellung gegenüber diesem Jungen/Mädchen? >Wenn ja, was können andere auf deiner Facebook Seite sehen?
  • Was hältst du von einer Person, die immer nur im Internet sagt, was ihr an dir nicht passt und nie persönlich auf dich zukommt um mit dir darüber zu reden?

Die Antworten der Kinder auf die Fragen zeigen, welche Werte und Normen den SchülerInnen wichtig sind. Häufig und wiederholt fallen Worte wie z.B. Mut und Authentizität. Wir versuchen diese Werte dann zu fördern, um so positive Kommunikation zu erreichen.

Um mit dem schnellen Wechsel der Technologie mithalten zu können, passen wir unser Programm zum Thema „Virtuelle Gewalt“ fortlaufend den Neuerungen an.

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